Der Aufstieg und Fall der Villa Sophia in Norf

Nur noch Erinnerung ist die „Villa Sophia“, die in Norf und Umgebung besser als „Villa Müller“ bekannt ist. Erbaut wurde sie im Jahre 1902 von Reiner Hermann Müller als Alterssitz, der vom Elvekumer Hof stammte. Dessen Sohn Cornelius bezog um 1916/17 die Villa mit seiner siebenköpfigen Familie, die nach seiner 1965 verstorbenen Ehefrau Sophia benannt wurde. Mit Hilfe der Ratsfrau Waltraud Beyen erhielt ich die Gelegenheit, aus erster Hand Informationen über die Villa – samt der hier gezeigten historischen Fotos – zu erhalten.

Dabei war die Lage des Neubaus sehr gut. Vor der Villa führte der Norfbach damals noch deutlich mehr Wasser, und auch die Nähe zum 1855 erbauten Bahnhofsvorplatz in Norf bedeutete einen verkehrstechnischen Vorteil. Das Gut Vellbrüggen, das ebenfalls lange Zeit von einem Mitglied der Familie Müller gepachtet war, lag zudem hinter dem Norfbach nur einen kurzen Fußmarsch entfernt.

Raum für eine große Familie

Villa Sophia, ca. 1902, Postkarte von ca. 1919/1920

Villa Sophia, ca. 1902, Postkarte von ca. 1919/1920

Cornelius Müller war zudem Jäger – entsprechend hielt er Hunde, die in einem runden Zwinger gegenüber des Haupteinganges untergebracht waren. Weiterhin befanden sich an der linken Grundstücksmauer Ställe
für Hühner, Gänse und Truthähne und Gewächshäuser zur Selbstversorgung, ebenso für Blumen. Der Haupteingang
der Villa befand sich auf der linken Seite. Mehrere Stufen führten in die Hochpaterre. Durch eine abgetrennte
kleinere Vordiele, die auch Zugang zu einem Zimmer war, kam man in die Hauptdiele, in der ein offener Kamin war. Drei Zimmer, die Garderobe wie die Treppe ins Obergemach erreichte man über diese Diele.

Das grosse Esszimmer lag rechts auf der Straßenseite und hatte zwei Fenster neben dem Vorbau der vorderen Fassade. Die Küche war über die Diele, aber auch über einen Hintereingang erreichbar, ebenso der Kellerabgang und eine Toilette. Das Obergeschoss verfügte ebenfalls über eine Diele, über die man in fünf Zimmer und auf den Speicher gelangte.

Rückseite der Postkarte.

Rückseite der Postkarte.

Neusser Dreh- und Angelpunkt in Norf

Somit stellte sich schnell das geregelte Leben ein: Die Fotos zeigen, dass der aufwändig eingerichtete Garten im Vorfeld der Villa geradezu zum Verweilen einlud. Die Älteren spielten Cricket, während die Kleinsten Gänseblümchen pflückten und kleine Sträusschen auf der Straße zum Kauf anboten. Die Norfer Sauerkrautfabrik
(später im Familienbesitz), die sich zwischen der heutigen Kindertagesstätte und der Kirche am Kreisverkehr der Straße „An der Norf“ befand, war ebenso gut zu Fuß erreichbar.

Den Verbindungen der Familie Müller war es zu verdanken, dass die Villa Sophia zu einem Ankerpunkt der Neusser Gesellschaft wurden. Immerhin gab es familiäre Verbindungen der Müllers zu den Familien Sels, Werhahn, Lonnes und Thywissen. Vor dem Tod der Eheleute Cornelius Müller kamen sonntäglich Kinder und später Kindeskinder zum Mittagstisch zusammen. Nachmittags trafen oftmals Verwandte zum Kaffee ein. Auch ein Hermann Wilhelm Thywissen, bis 1984 der letzte Oberbürgermeister der Stadt Neuss, kehrte gerne dort ein. Die Familienbanden waren entsprechend sehr gross und wurden intensiv gepflegt. Das sonntägliche Treiben bedeutete auch, dass am Wochenende das Personal für die Küche unter der Regie der Hausfrau aufgestockt wurde. Dazu war Walter Neef für die Außenanlage und für Autos zuständig.

Allmählicher Verfall der „Villa Müller“

Ansicht der Villa mit Garten, undatiert.

Ansicht der Villa mit Garten, undatiert.

Und so überdauerte die Villa Sophia auch die Wirrungen beider Weltkriege – aber nicht unbeschadet. Eine Brandbombe fiel im Laufe des Zweiten Weltkriegs in den Vorbau der Villa. Nur das Dach dort wurde aus Altersgründen erneuert. Vermutlich haben die Besitzer, selbst schon im stolzen Alter, sich umfangreichere Renovierungen nicht mehr zugemutet. Die festen Mauern trotzten den Schäden vorerst und wirkten daher lange wie ein standhaftes Fundament, im Gegensatz zu den Namen, die der davor verlaufenden Straße verliehen wurde. 1935 lautete die Adresse der Villa „Adolf-Hitler-Straße 19“. Nach dem Krieg brachte der Postbote die Briefe an die Familie Müller zur Gartenstraße 71, ehe die Umbenennung zur Vellbrüggener Straße erfolgte. In den späten 70er Jahren bewohnten Ina und Franziska Müller die Villa Sophia. Ina Müller verstarb am 5. Dezember 1979 im Neusser Lukaskrankenhaus. Franziska Müller, die zu diesem Zeitpunkt nur noch sporadisch in der Villa anzutreffen war, starb kurz darauf im Jahre 1980. Somit war die Villa zum Wechsel des Jahrzehnts nahezu unbewohnt – was Einbrecher geradezu einlud, im Haus auf Beutezug zu gehen.

Ansicht des Gartens der Villa, undatiert.

Ansicht des Gartens der Villa, undatiert.

Die Geistervilla in Norf

Im selben Jahr – in einigen Facebook-Gruppen wird der 16. Mai als Datum genannt – brannte die Villa Sophia bis auf die Grundmauern nieder. Über die Ursache kann nur spekuliert werden. War Brandstiftung die Ursache, oder brach das Feuer versehentlich aus, als Personen sich unerlaubt Zugang zur Villa verschafft haben? In der Folge wandelte sich das einst prächtige Bauwerk in eine „Geistervilla“. Die einst vornehme Gesellschaft wurde durch Jugendliche abgelöst, die sich, der eigenen Gefahr nicht bewusst, in den Ruinen aufhielten und dort die Innenwände bemalten. So spiegelte die Villa Sophia auch die Umgebung wider, da gerade dieser Teil des Ortes bis zur Bahnstraße Mitte der 90er Jahre eine eher ungemütliche Gegend war. Und letztlich holte die Natur sich ihren Platz zurück: Der ehemals prächtige Garten wurde von überall wuchernden Ranken und Bäumen abgelöst.

Verschiedene Pläne zur Verwendung des Grundstücks in den 90ern und 2000ern Jahren seitens der Politik wurden nicht realisiert. Auch über die Besitzansprüche der Erbgemeinschaft gab es keine weitere Information. Ende Oktober 2014 rollten die Bagger an, rodeten die Natur und machten die Villa dem Erdboden gleich. Zahlreiche Besucher pilgerten zur Villa Sophia, entweder, um ihr die letzte Ehre zu erweisen, oder um die Erinnerung auf Fotos festzuhalten.

Villa Sophia, kurz vor dem Abriss, am 18.10.2014

Villa Sophia, kurz vor dem Abriss, am 18.10.2014

Villa Sophia, Villa Müller: Nur noch Erinnerung

Nach 112 Jahren existierte die Villa Sophia, auch „Villa Müller“ genannt, nur noch in den Chroniken. Ein Ankerpunkt Norfer und Neusser Geschichte war somit fort. Zwar hat Norf mit der Müggenburg, dem Gut Vellbrüggen und dem Sandhof noch gut erhaltene, sich im Privatbesitz befindliche Bauwerke im Stadtteil – der Blick hin zum Alten Friedhof, zum Derikumer und zum Norfer Hof lässt aber befürchten, dass noch weitere historische Stätten ungenutzt verfallen werden, wenn nichts getan wird. Es wäre schade, wenn die Villa Sophia, die als familiäre und bauliche Linie zu den vier Norfer Höfen, den alten Bauwerken wie dem Norfer Rathaus und dem Elvekumer Hof existierte, ein trauriger Vorreiter ist.

PS: Weitere Bilder – auch aus dem Innenraum – gibt es hier:

Hinweis: Viele dieser Informationen habe ich im persönlichen Gespräch aus erster Hand erhalten. Die mir namentlich bekannte Quelle wünscht aus Gründen der Diskretion, anonym zu bleiben.

By | 2016-10-23T14:25:49+00:00 Mai 7th, 2016|Geschichte, Neuss, Photografie|6 Comments

About the Author:

„Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.“ Ich mache Content, Digitale Strategie und Konzeption beim ORT Medienverbund in Krefeld. Vormals bei Me & Company, metapeople, akom360, denkwerk, center.tv und trafema GmbH. Habe einen B.A. in Geschichte und Informationswissenschaft sowie eine Ausbildung als Videojournalist. Vater, Neusser, Schütze, Fußball-Schiedsrichter. Und ich filme und fotografiere sehr gern.
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6 Comments

  1. Nicole Geisler 12. Mai 2016 at 20:55

    Hallo Herr Piatkowski.Vielen Dank für die schöne Geschichte von der Villa Müller. Ich bin in Norf aufgewachsen und habe dieses Geisterhaus geliebt.Immer haben wir durch den Zaun geschaut als Kinder und uns vorgestellt wie prächtig es vor Jahren gewesen sein muss.Ich habe mir als Kind immer gewünscht es eines Tages zu kaufen und zu renovieren. Jetzt kenne ich dank Ihnen den Hintergrund und Fotos dieser wunderschönen Villa.

  2. Jan Piatkowski 15. Mai 2016 at 03:50

    Liebe Frau Brüssau, ich freue mich, dass Ihnen der Artikel gefallen hat. Teilen Sie ihn gerne weiter, wenn Sie mögen. Norf ist wirklich eine schöne Ecke – welche Orte haben Sie noch in guter Erinnerung? Viele Grüße!

  3. Johannes Wendling 2. Oktober 2016 at 12:46

    Hallo Herr Piatkowski,
    Vielen Dank für diesen perfekten Bericht über die Villa Müller,ich selber habe da ganz in der Nähe gewohnt,die Villa Müller war immer für uns ein Anziehungspunkt,denn der Park grenzte unmittelbar an unseren Garten an.Auch den Herrn Neef sowie seine Frau und Tochter kenne ich Persönlich.Leider hat sich nach dem Tode der beiden Damen keiner mehr so recht gekümmert so das es zwangsläufig dem Verfall geopfert wurde.Nochmals Danke für Ihre Chronik.

  4. Christiane Meisen 2. Oktober 2016 at 16:10

    Lieber Herr Piatkowski,

    mit Ihrem wunderschönen Artikel über diese Villa, in die ich mich schon vor 40 Jahren, als ich nach Norf zog, auf den ersten Blick verliebte, haben Sie meine unzähligen Fragen beantwortet, die ich dazu hatte. Schon, als ich damals die ausgebrannte Villa gesehen habe, traten mir Tränen in die Augen. Trotzdem ist sie für mich auch in diesem Zustand immer ein Märchenschloss geblieben. Als sie dann leider letztendlich doch dem Erdboden gleich gemacht wurde, ist gleichzeitig mein großer Traum gestorben, was mir unendlich weh getan hat. Beim Lesen Ihres Artikels und dem Anblick der Fotos habe ich tatsächlich, auch nach so langer Zeit noch, Bauchschmerzen bekommen. Auch wenn diese ganze Geschichte für mich sehr schmerzhaft ist, danke ich Ihnen von ganzem Herzen für Ihren so schönen und warmherzigen Artikel.

    Liebe Grüße

    Christiane Meisen

  5. Jan Piatkowski 3. Oktober 2016 at 07:21

    Lieber Herr Wendling, Danke Ihnen für den Kommentar. Wirklich schade, wie der Verfall stattfand – restauriert hätte es ein schöner Ort bleiben können, der einzigartig für Norf war.

  6. Jan Piatkowski 3. Oktober 2016 at 07:23

    Liebe Frau Meisen, freut mich, dass der Artikel Ihnen gefallen hat. Letztlich haben wir immer noch die Erinnerung. Liebe Grüße!

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