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Neuss als Marke: Vergangenheit und Zukunft vereinen

Gerade, als die Corona-Pandemie sich mit voller Wucht im März durch das Land wälzte, kam vom Verkehrsverbands Neuss ein Warnruf: Die Stadt verkaufe sich unter Wert, man brauche eine Marke Neuss. Zwar sorgten in der Vergangenheit Highlights wie die Equitana Open Air, das Shakespeare-Festival oder eben das Neusser Bürger-Schützenfest für Bettenauslastung abseits von Messen im Umland — von einer „Marke Neuss“ ist da aber bei weitem nichts zu fühlen.

Dabei ist eine Marke weitaus mehr als Logo und Claim. Diese Erfahrung durfte auch unsere Nachbarstadt machen, als das : D mit einiger Kritik vorgestellt wurde. Markenbildung als visuelle Identität ist das eine — es müssen dazu die Hausaufgaben erledigt werden, um mit dem neuen Leitbild in die aktive Vermarktung zu gehen und die Marke mit Leben zu füllen.

Aufschläge aus der über 2000jährigen Geschichte der Stadt Neuss gibt es genug. Es gibt nicht viele Städte in Deutschland, die die Reise vom alten Römerlager Novaesium über die Belagerung von Neuss, dem Napoleonischen Kanalbau über die neuzeitliche Hanse (samt Hansefest) bis hin zum seit 1823 gefeierten Schützenfest in die Gegenwart antreten können. Nehmen wir dann noch Neuss als Standort innovativer Unternehmen und sinnvolle Ideen zur Errichtung eines Hanse-Gründerviertels hinzu, ergibt sich eine Menge Potential, um die Marke Neuss mit Leben zu füllen.

Ideen! Im Folgenden findet ihr einige Ideen, um eine Marke mit Leben zu füllen. Ich gehe davon aus, dass es bei Neuss Marketing ebenfalls viele Überlegungen gibt. Und: Jede Idee, jedes Konzept will validiert werden. Über Feedback freue ich mich. Beachtet bitte den Disclaimer am Ende.

Geschichte lebendig werden lassen

Neuss blickt auf eine stolze Geschichte zurück. Heben wir sie nach vorne.

Neben dem Schützenfest als wiederkehrendes Ereignis drängt es sich auf, weitere Aspekte der Neusser Geschichte ins Bewusstsein zu holen. Was spricht dagegen, Reenactment-Gruppen für diese Ereignisse in die Stadt zu holen? Auf entsprechendem Gebiet kann etwa das Leben der römischen Legionen im Castrum Novaesium nachgestellt werden. Auch die Belagerung von Neuss durch Karl den Kühnen 1474/1475 bietet reichlich Stoff für lebendige Geschichte. Mit Livestreams in den sozialen Netzwerken und Nachbereitung in Blogs und YouTube kann die Reichweite im Lande gezielt aufgebaut werden. Und ich bin zuversichtlich, dass unter der fachlichen Betreuung des Stadtarchivs diese Events sowie begleitende Veranstaltungen wie Lesungen oder die jetzt schon angebotenen Stadtführungen die Geschichte erlebbar wird.

Nachteilig war bisher, dass viele der alten Fassaden, die auf die lange Vergangenheit von Neuss hingedeutet haben, im 2. Weltkrieg zerstört wurden. Vor einigen Jahren hat das Stadtarchiv an vielen Plätzen alte Fotos auf Plakate hochgezogen und an den Stellen in der Stadt aufgestellt, an denen das Foto entstanden ist. Quasi ein Damals-Heute-Vergleich. In Köln (und anderswo) kann mittlerweile über eine Virtual-Reality-Tour die Stadt von damals wieder erlebt werden.

Das ist natürlich umfangreich, könnte aber mit den richtigen Technologiepartnern aus dem Stadtgebiet eine Demonstration sein, um zu zeigen, welche Expertise in Neuss vorhanden ist. Eine Nummer kleiner wäre eine App, die mittels Augmented Reality ein Vorher-Nachher-Foto am Standort des Nutzers zeigt, ein Weg. Garniert mit einigen Fakten kann so Stadt und Kultur digital vermittelt werden.

Innovation und Gründergeist

Angebote wie „Neuss digital“ waren gut gemeint — in der Verwaltung fehlte bislang nur der Wille, die Dinge vernetzt und konsequent anzugehen.

Zu Neuss gehört ebenso, dass viele Menschen ihre Idee mit Leidenschaft zum Leben erwecken. Einige Unternehmen mit zum Teil großer innovativer Strahlkraft wie zum Beispiel 3M oder Johnson & Johnson haben bereits ihren Platz in unserer Stadt. Dazu kommen Startups wie Immunbar (aktuell begleitet von der Neusser Agentur Blue Moon), Livello (dessen Gründer immerhin aus Neuss kommt) oder die PorzHooks, ebenso das European EPC Competence Center im Gebiet der RFID-Technologie.

Natürlich hat die Stadt Düsseldorf mit der Startup-Woche entsprechend vorgelegt. Aber was spräche dagegen, gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung, den lokalen „Big Playern“ und den hier ansässigen Startups ein ergänzendes Angebot im Sinne einer „Design & Innovation Summit“ (wer sich an „Summit“ stört, kann genauso gut sich hier ein Meetup, Forum, BarCamp etc. denken) in Neuss aufzuziehen?

Zusätzlich könnten in Kooperation mit den Schulen im Stadtgebiet entsprechende AGs mit Blick auf Design, Technologie und Innovation begleitet werden. Das alles würde der Initiative, Neuss als Campus ausländischer Hochschulen zu etablieren, oder auch die gute Nachbarschaft zur Fontys Venlo University of Applied Sciences deutlich zu unterstreichen.

Mit entsprechender Vehemenz, um Geschichte und Innovation in der Marke Neuss glaubhaft zu inszenieren, können auch weitere Zukunftsaspekte wie neue Mobilität vorangetrieben werden.

Genug Futter für die Marke

Mit diesem Brückenschlag aus Geschichte und Innovation lässt sich aus meiner Perspektive eine „Marke Neuss“ nachhaltig und vor allem glaubhaft aufbauen — was durchaus keine einfache Aufgabe ist.

Denn: So ziemlich jede dieser Ideen, die oben genannt werden, bedürfen einer Validierung, will man vermeiden, dass viel Geld in ein Konzept fließt, was letztlich nicht zündet. Mit den heutigen Methoden des Human-Centered Design und Business Modelling kann jede Idee in einen Prototypen umgesetzt werden, um zu überprüfen, ob der eingeschlagene Weg der richtige und vor allem der nachhaltige ist. Denn: Am Ende steht nicht nur der Outcome (im Sinne von „gewünschter Effekt“), dass Menschen von außerhalb wie auch Neusser Bürgerinnen und Bürger ein neues, modernes Bild von der Stadt bekommen, sondern auch, dass sich dies in Teilnahme an Veranstaltungen, Bettenbuchungen und Nutzung der örtlichen Gastronomie niederschlägt. Dieser Hebel kann durchaus auch als Schaufenster für die innovativen Unternehmen vor Ort genutzt werden, was im heutigen „War for Talents“, also der Gewinnung und Ausbildung von Nachwuchskräften, wichtig ist.

Genügend Querdenker, denen Neuss am Herzen liegt, haben wir — von den digitalen wie strategischen Freiberuflern über die Experten in der Verwaltung bis zu den hier ansässigen Unternehmen. Denn am Ende ist die Marke nicht das Silo des Stadtmarketings, sondern eine sinnhafte Zusammenarbeit der Vermarktung mit Stadtgeschichte, Wirtschaftsförderung und lokaler Köpfe wie Unternehmen. Welche Ideen sich am Ende durchsetzen oder verworfen werden: Ich glaube, dass am Ende nur die Synergie dieser Experten dazu beitragen kann, die Marke Neuss neu und ganzheitlich zu denken.

Disclaimer / Hinweis: Die Ideen bzgl. Reenactment und lokalen Startups habe ich in der Vergangenheit des öfteren mit meinem guten Freund Christian Paul Stobbe diskutiert. Ihn findet ihr unter stobbe.wtf. Und: Der Hinweis ist angebracht, dass ich lokal in der CDU Neuss engagiert bin und damit mit dem CDU-Bürgermeisterkandidaten Jan-Philipp Büchler eng zusammenarbeite — auch wenn dieser Beitrag mit ihm nicht abgesprochen ist.

Von Jan Piatkowski

Vater, Digitaler, Denker, liebt The Sisters Of Mercy, liebt Borussia Mönchengladbach, filmt, fotografiert. Strategic Designer im Rheinland. Heimbrauer NOR APA Craft Beer, Lokalpolitik für die CDU Neuss.

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