Dieser Artikel erschien ursprünglich auf einem Portal für Amateurfußball, deren Chef vom Dienst ich war. Das Portal existiert nicht mehr – mein Artikel dagegen soll an dieser Stelle weiterleben. Im Laufe meiner Schiedsrichter-Laufbahn habe ich viele sehr geile Spiele gepfiffen: Fortuna Düsseldorf (mit Uwe Weidemann!) gegen Wuppertaler SV in Delhoven, Bayer Leverkusen gegen TuS Hackenbroich 2003, und so weiter. Dieses Spiel jedoch steht über allem. Das beste Spiel, das ich leiten durfte. Trotz 14 gelber Karten.

SV Hemmerden – SVG Weissenberg 10:11 i.E.
(2:2, 3:3 n.V.)

7. Juni 2008

Tore:

1:0 Coenen (5./Foulelfmeter)
1:1 Nüsse (26.)
1:2 Hilbel (70.)
2:2 Mausberg (83.)
3:2 Henrich (91.)
3:3 Nüsse (119.)


SV Hemmerden:
Schneiders, A. van Reimersdahl, Stöcke (C), Drube, D. van Reimersdahl, Möcker, Wistuba (51. Wingerath), Coenen (62. Henrich), Mausberg, Preckel, Koyro (46. Sari)

SVG Weissenberg: Trippel, Krieg, Dicken (C), Woschytzki (81. Karafil), Koch, Schön, Jansen (93. Redzic), Gürsoy, Ulusoy (57. Hilbel), Nüsse, Hennessen

Schiedsrichter: Jan Piatkowski (Dormagen) – Assistenten: Christoph Weger (Büttgen), André Horst (Meerbusch)

Zuschauer: 500 in Reuschenberg

Alfred Hitchcock hätte es nicht besser inszenieren können: In einem packenden Endspiel setzte sich die SVG Weissenberg, zweiter der Kreisliga B Gr. 2, gegen den SV Hemmerden (Zweiter Gr. 1) durch und durfte damit nach jahrelanger Abstinenz den Aufstieg in die Kreisliga A feiern.

Dabei begann die Partie, die ein Fest des Amateurfußballs werden sollte, gleich mit einem Paukenschlag: In der fünften Minute kam SVH-Akteur Markus Coenen im Weissenberger Strafraum bei einem Zweikampf zu Fall. Den daraus resultierenden Strafstoß verwandelte er persönlich zum 1:0 für die im Vorfeld als Außenseiter gehandelten Hemmerdener. Weissenberg war danach von der Rolle, konnte aber mit spielerischen Mitteln schnell wieder in die Partie zurückfinden. Folgerichtig erzielte Routinier Marcus Nüsse in seinem letzten Spiel als aktiver Feldspieler – er wechselt zur kommenden Saison nach Kaarst auf die Trainerbank – freistehend aus 14 Metern den Ausgleichstreffer. Mit 1:1 ging es auch in die Pause.

Weissenberg nach der Pause druckvoll

Weissenberg begann den zweiten Durchgang so, wie sie die erste Halbzeit beendet hatten. Druckvoll spielten sie nach vorne und konnten vor allem mit langen Bällen auf die Außenspieler die Abwehr von Hemmerden ein ums andere Mal aushebeln. Der quirlige David Hilbel zeigte sich von den Hemmerdenern Gesängen, die in erster Linie auf seine Frisur abzielten, unbeeindruckt und erzielte den 2:1-Führungstreffer für Weissenberg. Die SVG zog sich danach ein wenig zurück, behielt aber die Kontrolle des Spiels und sah eigentlich wie der sichere Sieger aus, während Hemmerden nun vermehrt kämpferische Mittel einsetzte, um in die Partie zu finden, was viele gelbe Karten nach sich zog.

Weit gefehlt! Angreifer René Mausberg löste sein Versprechen ein, dass er in der Halbzeit seinem Kumpel und Gegenüber Marcus Nüsse gegeben hatte, ein und erzielte das 2:2 sieben Minuten vor Ende der regulären Spielzeit. Wie er diesen Treffer zustande brachte, konnte Mausberg nach dem Spiel selber nicht erklären. In einem Strafraumgewühl, bei dem er drei Verteidigern gegenüber stand, prallte der Ball jedes Mal wieder vor seine Füße, so dass er aus neun Metern den Ball an Volker Trippel vorbei in die Maschen legen konnte. Dieser Treffer bedeutete eine Extraschicht, die Verlängerung stand an.

Spannende Verlängerung

Und auch hier war es wiederum der SV Hemmerden, der den ersten Akzent setzen konnte. Der eingewechselte Henrichs setzte sich auf der linken Seite durch und dribbelte kurz vor der Torauslinie in den Strafraum hinein. Ein Abspiel in Richtung Strafstoßpunkt wäre möglich gewesen, er spekulierte allerdings darauf, dass Trippe die „kurze Ecke“ aufmachte. Damit lag er richtig und schob den Ball aus kurzer Distanz am verdutzten Keeper vorbei zum 3:2 ins Tor. Weissenberg gelang nun nichts mehr. Viele Angriffe wurden entweder abgefangen oder so unpräzise vorgetragen, dass der Ball immer wieder ins Aus trudelte. Nur noch gelegentliche Standardsituationen sorgten für Gefahr. So war es auch ein Freistoß von der rechten Seite, der hoch in den Strafraum getreten den Kopf von Marcus Nüsse fand. Er erzwang mit seinem zweiten Treffer zum 3:3 das Elfmeterschießen und machte dieses Entscheidungsspiel zu seiner persönlichen Abschiedsgala.

Ein dramatisches Elfmeterschießen

Im Elfmeterschießen verschoss Hemmerden, zuerst am Punkt, die ersten beiden Strafstöße (A. van Reimersdahl, Möcker), während für Weissenberg Redzic und Hennessen trafen. Die Treffer von Henrich und D. van Reimersdahl hielten den SVH am Leben, während Dicken und Gürsoy scheiterten. Der fünfte Strafstoß wurde von beiden Teams verwandelt, in der sechsten Runde wurde es allerdings erneut spannend: Hemmerdens Kapitän Christian Stöcker verschoss, somit konnte Keeper Volker Trippel alles klar machen. Sein Strafstoß traf die Unterkante der Latte, tippte auf die Torlinie und dann wieder ins Spielfeld zurück — kein Tor!

Die folgenden Strafstöße wurden auf beiden Seiten verwandelt, auch wenn SVH-Torwart Dominik Schneiders in seinem persönlichem Heimspiel – sein Vater Peter betreut seit Jahren die Plätze in Reuschenberg und wird in diesem Sommer aufhören – mehrere Male mit den Fingerspitzen dran war, aber nur einmal den Ball entscheidend parieren konnte. Dann trat sein Teamkollege Maik Henrich zum 14. Strafstoß für Hemmerden an und schoss den Ball über das Tor. Auf Weissenberger Seite behielt Jasmin Redzic die Nerven, schob souverän ein und schoss somit die SVG Weissenberg in die Kreisliga A.

Werbung für den Amateurfußball

Die SVG war außer sich vor Jubel, Sekt- und Bierduschen wurden großzügig verteilt. Auf Hemmerdener Seite herrschte große Trauer – auf Seiten der Spieler und der lautstarken Fans, die während der gesamten Spielzeit ihre Truppe nach vorne geschrien haben. Dabei hatte ihre Mannschaft trotz der lang anhaltenden Weissenberger Überlegenheit nie aufgesteckt und ist immer wieder zurück ins Spiel gekommen. Auf Seiten der SVG zeigte man Mitgefühl für den Gegner, der aufgrund seines Einsatzes auch den Aufstieg verdient gehabt hätte. Hemmerden zeigte sich aber recht schnell trotzig und nahm sich den FSV Mainz 05 als Vorbild: „Aller guten Dinge sind drei“, wie Stürmer René Mausberg nach dem Spiel angab. Gewonnen hat aber auf jeden Fall der Amateurfußball, der mehr als zweieinhalb Stunden lang Spiel und Spannung vom Feinsten geboten hat. Dies ist ein Verdienst der SVG Weissenberg und des SV Hemmerden.

26. April 2016

Kommentare

Hallo Jan,

Immer wieder wenn ich diese Bilder sehen bekomme ich Gänsehaut und denke es war gestern dieser Tag.

Ich wollte auch mal fragen ob du die ganzen Bilder auch jemanden zukommen lassen kannst der dabei war.

Würde sie gerne als Erinnerung für mich aufheben.

Mfg

Dominik schneiders

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