Fragmentiert. Das war mein Eindruck zur Digitalisierung der Stadt Neuss. Thomas Kaumanns, seines Zeichens Ratsherr in Neuss, lud zum Stadtrundgang ein, um die verschiedenen digitalen Dienste aufzuzeigen. Einen Ablauf der Führung hat er auf seiner Website veröffentlicht – entsprechend möchte ich mich eher grundsätzlich zum Stand der Dinge äußern.

Das digitale Angebot der Stadt Neuss

Natürlich dreht sich vieles um das Online-Portal der Stadt. Am Beispiel des KiTa-Navigators konnten meine Frau und ich selber schon erfahren, wie der Dienst auf Schnittstelle der Verwaltung zum Bürger funktioniert, auch wenn die Einführung für meine Begriffe holprig war – mangelhafte Kommunikation einiger Einrichtungen und Fehler auf den Endgeräten der Bürger gehörten am Anfang dazu. Auch in anderen Bereichen, etwa Online-Ausleihe bei der Stadtbücherei, Parkhausbelegung oder der „Mängelmelder“ bietet das Rathaus den Bürgern an, digital eine Einrichtung zu nutzen. Das ist auch gut so, wenngleich in vielen Bereichen der Verwaltung das Gesetz die Schriftform verlangt, worauf Thomas hinwies. Das Bemühen in verschiedenen Bereichen kann man der Stadt sicher nicht absprechen. Ebenso, dass Unternehmen wie REWE den Einkauf auch digital, abseits des Geschäfts ermöglichen. Dass das freie Stadt-WLAN, deren Nutzerzahl steigt, eine Stärkung des lokalen Einzelhandels in der Innenstadt bedeutet, sehe ich allerdings nicht – dafür ist die Herausforderung hier zu vielschichtig, was bei der Anwendung digitaler Dienste und Plattformen vielerorts schon anfängt.

Am Anwender vorbei

Dennoch: Manches wirkt lose, unverbunden. QR-Codes, die am Ende der Führung beim Denkmal der Synagoge gezeigt wurden, stehen da für mich als Sinnbild des aktuellen Stands: Angebracht am Boden, muss jeder, der den Code scannen will, sich nahezu auf Bodenniveau begeben. Die Suche nach einer passenden App nicht eingerechnet. Dass, wie bei der Führung angekündigt, wichtige Punkte in der Stadt mit neuen Schildern samt QR-Codes ausgestattet werden sollen, passt ins Bild. Klar wäre es denkbar, solche Angebote mit Augmented-Reality-Konzepten zur Stadtgeschichte anzureichern und somit etwa die Belagerung der Stadt durch Karl den Kühnen 1474/75 nachzuerleben.

Ich glaube, dass ein solches Angebot etwa mit Technologien für drahtlose und ortsgebundene Inhalte (Google Eddystone bzw. iBeacon) nahtloser wirken würde. Das kann man sich so vorstellen, dass das Smartphone automatisch einen dezenten Hinweis auf dem Display wiedergibt, der zur Interaktion einlädt. iPhone-Nutzer können das etwa bei IKEA oder im Apple Store erleben. Eigentlich wäre auch ohne diese Nahfeldkommunikation (englisch „NFC“ für „Near-Field Communication“) ein digitaler Dienst toll, der Menschen wie im Pokémon-Stil wichtige Punkte abschreiten lässt. Quasi eine digitale Umsetzung des Stadtführers durch das mittelalterliche Neuss, das es schon in Buchform gibt. Mit der Empfehlung entsprechender Bücher, Blogartikeln und passenden Stücken aus dem Stadtarchiv wäre das ein Ansatz für moderne Kommunikation der Geschichte.

Egal wie: Jedes Konzept baut auf anderen Konzepten auf. Die Vergangenheit virtuell wiederzubeleben, macht erst Sinn, wenn die reiche Geschichte der Stadt stetig im Kern der Kommunikation des Stadtmarketings bleibt – auch, damit Besucher von außerhalb Lust auf Entdeckung haben. Wenn die Inhalte an einem geschichtsträchtigen Punkt durch konstante Pflege sich stetig erneuern, erhöht das die Motivation, einen Punkt mehrmals aufzusuchen. Aber dafür müsste ein Marketingkonzept sich dieser Vergangenheit regelmäßig bedienen, damit Besucher auf den Spuren des St. Quirin wandeln können – durch Inhalte, Veranstaltungen, und Reichweite.

Digitalisierung ist kein Arbeitskreis.

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Digitalisierung“ darf demnach kein Schlagwort sein, dass als Allheilmittel in den Raum geworfen wird. Zusammenhängende Konzepte und Strategien, die Abstimmung aufeinander schaffen die meisten Synergien. Nicht nur innerhalb eines digitalen „Arbeitskreises“ (oder wie man auch immer das nennen mag), sondern immer in Mitarbeit mit anderen Bereichen wie Bildung, Nahverkehr, Services und und und. Digitalisierung ist keine eigenständige Projektgruppe. Sie ist das notwendige Element eines jeden Bereiches, um das Angebot für Menschen besser zu machen. Demnach brauchen wir überall digitale Experten. Auch ohne Parteibuch. Das Thema ist zu wichtig für parteipolitische Manöver.

Digitalisierung ist auch Infrastruktur – trotz Glasfaser-Debakel.

Dabei haben wir an der Stelle noch nicht über die digitale Infrastruktur als solches gesprochen, und darüber, warum etwa das Glasfaser-Netz in Neuss eher ein Ladenhüter war. Muss man eine solch wichtige Entscheidung in die Hand der Bürger geben, in der Hoffnung, dass ein gleichbleibender Werbedruck der Anbieter das schon richten würde? Mitnichten. Auch der Leerstand alter Gebäude könnte prima die Gründung eines Coworking-Spaces (also offene Büroräume, in denen sich einzelne Netzarbeiter wie kleine Gruppen einmieten können, um an ihren Produkt zu arbeiten) einleiten, um Unternehmer für die Erschaffung neuer digitaler Dienste nach Neuss zu locken. Eher müsste man aber damit anfangen, die Nutzer eines Online-Services der Stadt stärker einzubinden: Die Bürger. Nur zu sehen, dass die Nutzungszahlen für einen Dienst steigen, ist noch lange keine Aussage über die Qualität eines Dienstes. Nutzerzentrierung durch qualitative Befragungen und konstante Optimierungen sind kein Hexenwerk.

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Sicher bin ich mir, dass Thomas vieles davon bereits weiß. Und dass es nie einfach sein wird, in diesen Themen einen Konsens herzustellen. Von außen betrachtet redet es sich immer leicht. Das Bemühen will ich nicht absprechen, und ich finde es gut, dass Thomas sich des Themas annimmt und Zeit darin investiert, das Projekt den Bürgern vorzustellen. Dennoch: Es gibt viel zu tun, und an Ideen wird es sicher nicht mangeln. Ich helfe jedenfalls gerne mit, wenn gewünscht. Der Bedarf ist da – das habe ich im Gespräch mit den Teilnehmern der digitalen Stadtführung deutlich rausgehört.

20. August 2016

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