…into Space.

Vergangenen Mittwoch hatte ich die Ehre, mit meinem Vortrag „Weltraum und Social Media: Zwei unendliche Weiten?“ den 20. Kölner Twittwoch in der Stadtbibliothek eröffnen zu dürfen. Ein sehr interessantes Thema, wie ich fand, und zu Beginn der rund 25 Minuten habe ich weit ausgeholt. Meine Folien zum Vortrag sind im Slideshare bei denkwerk abgelegt.

Der Sputnikschock

Denn eigentlich begann diese Geschichte in den 50er Jahren, als die USA durch den Sputnikschock unfreiwillig einen Weckruf erhielten. Die UdSSR schickte ihren ersten Sputnik in den Weltraum, die Hündin Leica und der Soldat Gagarin folgten. Unter Dwight D. Eisenhower reagierten die Vereinigten Staaten mit einem groß angelegten Bildungsprogramm und legten dazu Wert auf die Bedeutung von Information und Dokumentation. Unter seinem Amtsnachfolger John F. Kennedy wurde das Apollo-Programm angestoßen. Es bedeutete nicht nur eine nie dagewesene Beanspruchung an Ressourcen und Technologie (400.000 Menschen arbeiteten an diesem 25 Milliarden Dollar schweren Projekt), dazu katapultierte die Mondlandung am 20. Juli 1969 die Medienwelt in neue Sphären. Über 125 Millionen Zuschauer haben in den USA das Spektakel „Apollo 11“ verfolgt.

Allerdings: Seit einer sehr langen Zeit gab es keine Mondmissionen mehr. Dass sich was daran ändern soll, verfolgt Google mit dem Projekt „Google LUNAR X Prize“, eine Kooperation mit der X Prize Foundation. Insgesamt 30 Millionen Dollar wurden 2007 bei der neuen Auflage des „Space Race“ ausgelobt, so dass nun 25 Teams bis Ende 2015 versuchen, einen Roboter auf den Erdtrabanten zu bringen und von dort hochauflösende Bilder und Videos zu senden. Und wer weiß, vielleicht sind wir dann kollektiv im Google Hangout dabei?

Citizen Scientists

Dass es auch ein paar Nummern kleiner geht, bewiesen die bei den „Citizen Scientists“ beliebten Programme SETI@home und Zooniverse. SETI@home ist, wenn auch der Nutzer eher passiv teilnimmt, ein Klassiker, da der Nutzer hier seine Rechnerleistung zur Verfügung stellt, um Datenpakete auf der Suche nach intelligentem Leben im All auszuwerten. Bei „Galaxy Zoo“, einem der vielen Unterprojekte, ist der Nutzer aktiv dabei, hilft aktiv bei der Klassifikation von Galaxien anhand Bilder und diskutiert die Ergebnisse in Foren und Blogs. 80.000 Freiwillige haben seit 2007 mehr als 10 Millionen Bilder untersucht. Ebenso darf man abseits dieser Projekte auch Blogs nicht aus den Augen lassen, seien es SciLogs oder das sehr populäre Astrodicticum Simplex von Florian Freistetter. Auch Facebook spielt eine Rolle, wenn Gleichgesinnte sich in Gruppen über aktuelle News und Beobachtungsmöglichkeiten austauschen.

Dennoch nimmt die NASA eine große Rolle im Social Web ein. Eine Vielzahl an Facebook-Pages, Twitter-Accounts und weiteren Profilen sorgen für eine enorme Strahlkraft, die die NASA, 2012 mit einem Budget von 17,8 Milliarden US-Dollar ausgestattet, vielseitig zu nutzen weiß. Mit „NASA Social“, dem Nachfolger der beliebten Space Tweetups, können sich Nutzer per Social Media für einen exklusiven Blick hinter die Kulissen vor Ort akkreditieren. Selbstredend, dass auch der Nutzer daheim über die verschiedenen Kanäle und Hashtags trotz räumlicher Distanz teilnehmen kann.

Das Beispiel „Curiosity“ – der mich in Punkto „Verniedlichung“ doch sehr an einen bekannten Erdaufräumer aus der Trickfilmwelt erinnerte – zeigt wunderbar, wie die NASA dieses Projekt geschickt nutzt, um die Mission des Mars-Rovers aus der Ich-Perspektive in ein sehr nahes, sehr reales Storytelling einzubetten. „Curiosity“ wird zum Protagonisten, hofft in Statusposts auf Arbeitsaufträge der Projektleiter und checkt sich bei foursquare auf dem Mars ein. Konkrete Fragen der Anhänger werden direkt beantwortet. Insgesamt ist die Kommunikation hier sehr vorbildlich.

Kommerzielle Raumfahrt

Aber auch die kommerzielle Seite verbuchte ein Highlight im Jahre 2012, als Felix Baumgartner („Red Bull Stratos“) vom Rande des Weltalls auf die Erde hüpfte. Mehr als 8 Millionen Nutzer haben das Ereignis im Stream gleichzeitig verfolgt – ein gigantischer Live-Hangout. 130 digitale Mediendienste haben den Stream verteilt, dazu kamen 40 Sender aus 50 Ländern. Offizielle Postings bei Facebook und Twitter haben sehr schnell Aktionen bei den Nutzern ausgelöst, und speziell bei Twitter haben viele Prominente die Aktion kommentiert, allen voran Netz- und Science-Fiction-Ikone Wil Wheaton. Auch wenn Zahlen über das Budget dieser Aktion nicht offiziell sind: Die Werbewirkung und Strahlkraft dieser Aktion für die Marke, so schätzt das Magazin „Forbes“, dürfte in den zweistelligen Millionenbereich gehen.

Seit dem Apollo-Programm konnte Raumfahrt als Medienereignis inszeniert werden, egal, ob es sich um öffentliche oder kommerzielle Projekte handelt. Es bleibt aber immer ein Tanz auf des Messers Schneide, denn entsprechende Kommunikationsprotokolle müssen vorliegen, um im Katastrophenfall schnell und transparent – gerade auch im Social Web! – reagieren zu können. Es ist das Erbe, dass die Raumfähren Challenger (1986) und Columbia (2003) hinterlassen haben.

In den USA genießt die NASA durch die anfänglichen Erfolge ein hohes Standing, das die heute sehr natürliche, digitale Mediennutzung und das innewohnende Sendungsbewußtsein der Vereinigten Staaten gleichermaßen bedient. Aber auch die Rolle der kommerziellen Projekte wird in Zukunft weiter an Relevanz gewinnen, da auch hier Budgets in entsprechender Höhe verfügbar sind. Für die Marken ist das doppelt verlockend, denn der Nutzer ist gleichermaßen Konsument und Zielgruppe. Umgekehrt haben Bürger weiterhin die Möglichkeit, über das Teleskop hinaus aktiv oder passiv an diesen Projekten teilzuhaben. Dass sie daran ein Interesse haben, wurde mit der Mondlandung, „Curiosity“ und Baumgartner nachhaltig belegt.

Weiterer Lesestoff:

Blog der Stadtbibliothek Köln
denkwerk Blog
Das Event bei geeks@cologne

Abschließend erfolgt ein herzliches Dankeschön an Markus und Michael vom Twittwoch Köln e. V., das Team der Kölner Stadtbibliothek, denkwerk als Sponsor sowie meinen Rednerkollegen Tobias Heim von Digitale Kultur e. V. und Marco Trovatello vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt.

Update 16.02.2013: Hier nun auch sehr schöne Tweets zum Vortrag am Abend 😉

By | 2016-04-22T19:41:00+00:00 Januar 28th, 2013|Digital|5 Comments

About the Author:

"Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden." Ich mache Content, Digitale Strategie und Konzeption beim ORT Medienverbund in Krefeld. Vormals bei Me & Company, metapeople, akom360, denkwerk, center.tv und trafema GmbH. Habe einen B.A. in Geschichte und Informationswissenschaft sowie eine Ausbildung als Videojournalist. Vater, Neusser, Schütze, Fußball-Schiedsrichter. Und ich filme und fotografiere sehr gern. #Strategy #Brand #Storytelling #Content #UX

5 Comments

  1. Christoph 28. Januar 2013 at 22:24

    Vielen Dank für die Nachbereitung des Vortrags, der mir schon vergangene Woche live unheimlich gut gefallen hat.

  2. Jan 29. Januar 2013 at 05:31

    Danke, Christoph 🙂 Man muss aber auch sagen, dass der Twittwoch insgesamt sehr kurzweilig war, die beiden Rednerkollegen haben ebenfalls exzellente Vorträge gehalten.

  3. Christoph 29. Januar 2013 at 14:31

    Volle Zustimmung. Die beiden anderen Vorträge waren nicht minder kurzweilig und interessant. Ich würde noch gerne eine Seite nachtragen, die in Deiner Zusammenstellung nicht vorkam. Kurz und knapp, also die Information, nicht die Adresse: http://www.howmanypeopleareinspacerightnow.com/

  4. Jan 29. Januar 2013 at 18:30

    Danke für die Ergänzung 😉 und herzlich willkommen auf #gerngelesen auf dieser Seite 😉

  5. Ein leckerer Twittwoch | Jans Wolke. 7. Juli 2013 at 17:08

    […] auch, wie sich der Düsseldorfer Twittwoch von der Kölner Ausgabe, bei dem ich zuletzt im Januar selber einen Vortrag halten durfte, unterscheidet, denn in der Tonhalle wurde wie damals im NRW-Forum getalkt, Fragen wurden auch via […]

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